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Der Berliner Fernsehturm am Alexanderplatz

Mit dem Fall der Mauer vor 30 Jahren wurden die bis dahin nur verschwommen erkennbaren Unterschiede zwischen der Wirtschaft der DDR und der BRD sichtbar. Der Weg wurde frei zur Untersuchung der Ursachen als Grundlage für ein Konzept des Zusammenwachsens.

Dieser Aufgabe stellte sich im Auftrag der Bundesregierung das Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) Bonn. Mit dabei Prof. Dr. Wilma Merkel, heute Research Fellow im Studiengang Sicherheitsmanagement an der NBS Northern Business School Hamburg und seinerzeit Co-Autorin der Studie „Das geplünderte Deutschland – Die wirtschaftliche Entwicklung im östlichen Teil Deutschlands von 1949 bis 1989“. (Wilma Merkel, Stefanie Wahl, Bonn 1991, ISBN 3-922827-05-5)

Als Messlatte der wirtschaftlichen Stärke wurde in der Untersuchung das für Industrieländer übliche Bruttoinlandsprodukt gewählt. Neben den Folgen der Kriegswirtschaft und den Kriegsschäden von 1935 bis 1945 für Gesamtdeutschland waren im östlichen Deutschland von 1945 bis 1949 die Demontagen und Reparationsleistungen zugunsten der Sowjetunion prägend. Damit lag der Start der wirtschaftlichen Entwicklung der DDR bei nur knapp 50 Prozent des Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukts im Verhältnis zur BRD.

Die wirtschaftliche Entwicklung der DDR danach kann in folgende Abschnitte zerlegt werden:

  • Die fünfziger Jahre: Aufbau und Umbau vor allem auf die Belange der Sowjetunion ausgerichteten Wirtschaftsentwicklungen, aber auch hohen Abwanderungen; im Ergebnis erreichte das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt der DDR nur noch knapp 40 Prozent im Vergleich zur BRD
  • Die sechziger Jahre: Stabilisierung und Ausbau nach dem Bau der Mauer; erreichten gut 35 Prozent im Vergleich
  • Die siebziger Jahre: weiterer Ausbau und beginnende Stagnation; ergaben in der Analyse eine kaum spürbare Erhöhung auf knapp über 36 Prozent
  • Die achtziger Jahre: Stagnation und Abschwung; endeten 1989 mit 33 Prozent im Vergleich.

Ursachen für die im Vergleich schwache wirtschaftliche Entwicklung waren u.a. die Verstaatlichung der Unternehmen als Produktionsmittel und die zentrale Planung der gesamten Wirtschaft, die mit einer steigenden Zahl von Kennziffern immer umständlicher wurde. Nicht nur war die zentrale Planung nicht in der Lage, die Komplexität ganzer Wirtschaftszweige abzubilden. Gleichzeitig war die Planerfüllung für die Betriebe und Kombinate oberstes gesellschaftspolitisches Gebot, welches es unbedingt umzusetzen galt. Das gesamte sozialistische Rechnungswesen einschließlich der dazugehörigen Statistik war nach innen und außen auf eine groß angelegte Täuschungsstrategie ausgerichtet. Um Planerfüllung nachzuweisen, war z.T. die Sicherstellung erforderlicher Ressourcen durch Anlegen heimlicher Reserven als auch Manipulationen bei der Abrechnung vorgegebener  Plankennziffern erforderlich.

Aus heutiger Sicht könnte man hier von wirtschaftskriminellen Ansätzen zum Schaden der gesamten Volkswirtschaft sprechen. Das Strafrecht der DDR wies für derartige Fälle erstaunliche Spielräume auf, solange die Handlungen durch das Ziel der Produktionssteigerung begründet werden konnten. Unklar ist bisher, inwieweit diese Formen von quasi akzeptiertem „corporate fraud“ – Betrugshandlungen durch und im Interesse eines Unternehmens – auch Handlungen des „occupational fraud“ – Betrugshandlungen von Mitarbeitern zu Lasten von Unternehmen – beförderten. Der Einsatz von Betriebskriminalisten aber auch die Fokussierung auf die Selbststeuerung der Mitarbeiter – „die  entscheidende Kraft zur Einschränkung und schließlichen Beseitigung krimineller Störungen des Wirtschaftslebens liegt in den Arbeitskollektiven der sozialistischen Betriebe selbst.“ (Ökonomisches Lexikon Q-Z, Verlag Die Wirtschaft, Berlin 1980, S. 668) – erwies sich letztlich als nicht ausreichend.

Die Auswirkungen der einseitig auf Kennzahlen fixierten Unternehmenssteuerung auf Formen von Betrugshandlungen stehen im Mittelpunkt des Forschungsprojektes „Wirtschaftskriminalität in der DDR“ von Prof. Dr. Wilma Merkel und Prof. Dr. André Röhl. Ziel der Studie ist es, Hintergründe, Motive und Folgen von Betrugshandlungen in DDR-Betrieben zu durchleuchten und daraus Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung von Compliance-Systemen in heutigen Unternehmen abzuleiten.