15 Jahre kontrollierte er Tickets, dann starb er durch Faustschläge. In Mannheim erinnern Kerzen an den Zugbegleiter Serkan C. Sein Tod löst mehr aus als Trauer: Er nährt ein Gefühl, dass Deutschland unsicherer wird. Prof. Dr. André Schulz im Berliner Tagesspiegel.
Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner von der FH Münster und der Kriminalwissenschaftler André Schulz von der Northern Business School (NBS) im Gespräch mit Christopher Ferner vom Tagesspiegel zu Gewalt, der Kriminalitätsfurcht in der Gesellschaft, der Interpretationsbedürftigkeit der Polizeilichen Kriminalstatistik und Hirnmechanismen des Menschen.
Der Auslöser Ein langjähriger Zugbegleiter der Deutschen Bahn starb Anfang Februar nach einem brutalen Angriff durch einen Fahrgast, den er einer Ticketkontrolle unterzogen hatte. Der Fall löste über die unmittelbare Trauer hinaus eine breite gesellschaftliche Debatte aus – über das Gefühl, dass Deutschland unsicherer wird.
Was die Statistik tatsächlich sagt Die Gesamtkriminalität ist 2024 leicht gesunken. Gleichzeitig stiegen Gewaltdelikte und schwere Sexualstraftaten auf den höchsten Stand seit Jahren. Der Kriminologe André Schulz (NBS Northern Business School, Hamburg) mahnt jedoch zur Vorsicht: Kriminalstatistiken messen nur das sogenannte Hellfeld – also das, was angezeigt wird. Steigende Anzeigebereitschaft (befördert durch MeToo, gewaltfreie Erziehung etc.) kann steigende Zahlen erklären, ohne dass tatsächlich mehr Taten begangen werden.
Das Kriminalitätsfurcht-Paradox Angst und tatsächliches Risiko decken sich selten: Ältere Menschen meiden den öffentlichen Raum, obwohl ihr statistisches Viktimisierungsrisiko gering ist. Frauen fürchten Fremde – die größte Gefahr geht aber laut Statistik vom privaten Umfeld aus.
Warum das Gehirn uns täuscht Neurowissenschaftlerin Maren Urner (FH Münster) erklärt die Diskrepanz neurobiologisch: Das Gehirn ist schlecht darin, Risiken realistisch einzuschätzen, und speichert bedrohliche Informationen tiefer und dauerhafter ab als neutrale. Push-Nachrichten aktivieren dieselben Alarmmechanismen wie reale Gefahren. Hinzu kommt der serielle Positionseffekt: Schlagzeilen bleiben hängen, relativierende Einordnungen im Fließtext gehen unter.
Gegenmaßnahmen – individuell und strukturell Urner empfiehlt: Emotionen benennen, darüber sprechen, Medienkonsum bewusst steuern. Schulz betont die politische Dimension: Gute Sozialpolitik – Bildung, Arbeitsmarktintegration, Armutsbekämpfung – ist die wirksamste Kriminalitätsprävention langfristig.
Fazit des Artikels Der Tod von Serkan C. war real. Die Angst, die er auslöst, ist es ebenfalls – aber sie spiegelt nicht zwingend eine objektiv gefährlichere Welt wider. Sie spiegelt, wie unser Gehirn, unsere Medien und unsere institutionellen Interessen Wirklichkeit konstruieren.
Zum Artikel (hinter Paywall): https://www.tagesspiegel.de/wissen/tod-des-zugbegleiters-serkan-c-die-angst-die-weit-uber-diesen-fall-hinausgeht-15314451.html
